Is doch alles Scheiße: Depressionen.
16.10.2026 · 7 Min. Lesezeit
Ich habe mit mir gerungen, ob ich diesen Text in meinem Blog veröffentliche. Einerseits, weil ich nicht möchte, dass sich Menschen Sorgen um mich machen. Und andererseits, weil mein Umgang mit meiner Krankheit auch nicht das Thema sein soll, um das es geht, wenn es um mich geht.
Ich habe den Text trotzdem veröffentlicht. Und zwar nicht, weil es noch nicht genug Texte zu Depressionen gäbe. Sondern weil ich keine Lust habe, mich weiter hinter irgendwelchen Masken zu verstecken. Und vielleicht auch deshalb, weil mir aus meinen depressiven Phasen schlicht nicht viel bleibt, als genau solche Texte.
Und keine Sorge: Auch wenn ich mich scheiße fühle, mir geht es gut. Ich habe tolle Menschen in meinem Leben, die für mich da sind. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich trotz der depressiven Phasen ein unerträglicher Optimist bin.
Is doch alles Scheiße: Depressionen.
Gestern habe ich den ganzen Tag geschlafen. Also von ca. 4:30 bis 16:30. Nicht durchgehend, natürlich: Der Wecker ging um kurz vor zehn. Und dann bin ich aufgewacht und habe festgestellt, dass es einfach keinen Grund gibt, aufzustehen. Dass da draußen einfach keine Welt ist, die auf mich wartet und dass ich schlichtweg nicht die Kraft habe, mich dazu zu motivieren. Fuck. Und dann habe ich geschlafen und geschlafen, und bin zwischendurch kurz aufgewacht, habe mich auf die andere Seite gedreht und einfach wieder versucht, einzuschlafen. Bis auch das irgendwann nicht mehr ging. Wie soll man auch mehr als zwölf Stunden am Stück schlafen… Ich schlafe mehr, als ein Löwe. Nur brüllen tue ich nicht so wie einer. Auf den Abend war ich dann kurz wach, aber gegen 22 Uhr auch schon wieder im Bett, und habe geschlafen. Ich könnte so viel schlafen, dafür sollte man mir einen Preis verleihen. Den Fuck-Up-Preis des Jahres 2026. Weil genau so fühlt es sich an: wie ein Fuck-Up.
Heute bin ich aufgewacht und habe mich gefragt, wie lange das eigentlich noch so gehen soll. Und ob das jemals anders war. Ich kann mich gar nicht mehr an eine Zeit erinnern, als ich mal wirklich etwas zu Ende gebracht habe. Als ich mal wirklich etwas für mich getan habe, von Anfang bis Ende. Weil alles dazwischen nur Funktionieren ist. Wenn ich zum Beispiel auf Arbeit oder für meine Kunden abliefere, weil die mir eben nicht so egal sind, wie ich mir selbst egal sein kann. Weil mich die Meinung anderer Menschen mehr juckt, als dieses Gefühl, zufrieden mit mir selbst zu sein, an das ich ohnehin nicht glaube. Und das, was mich dann immer wieder so richtig aus der Bahn wirft, ist, zu wissen, dass das auch anders sein kann. Dass ich immer wieder Phasen hatte, in denen alles ging. In denen ich mit 120% Energie nach vorne gerannt bin, und in denen es sich endlich so angefühlt hat, als würde ich mich aus meinem Loch rauskämpfen. Bis ich dann wieder im Loch sitze und auf die Trümmer dessen schaue, was ich mit dem Arsch wieder eingerissen habe. Is schon scheiße, das mit den Depressionen und so.
Das Fiese an den Depressionen ist, dass alles, was mir dann hilft, sich besonders schwer anfühlt. Für mich zu sorgen, rauszugehen; was kochen, das nicht nur in der Heißluftfritteuse erwärmt wird. Menschen treffen. Über meine Gefühle reden, obwohl das Feedback dann oft gut gemeint, aber einfach nicht für mich umsetzbar ist. Sag mal einem Depressiven, er soll „einfach machen“. Ja, genau. Aber das ist halt auch so beschissen, dieses Einfach-nicht-machen-können, dass ich das selbst nicht einmal erklären kann. Bring einem Blinden bei, was Farben sind. Ungefähr so verhält sich das auch mit dem Nicht-machen-können. Ich weiß, dass es mir gut tun würde, rauszugehen. Aber ich schaffe es nicht, mich zu überwinden. Ich weiß, dass mein Magen mir sagt, dass ich Hunger habe. Aber bis zur Küche sind es fucking sechs Schritte, und das sind mindestens fünf zu viel, und ich lieg hier mit Druck auf der Blase, weil ich es nicht einmal zum Pissen ins Bad schaffe. Und anstatt irgendetwas zu tun, liege ich halt einfach nur hier rum und frage mich, wie lange dieser Zustand wohl noch anhält. Ich weiß nicht, ob das nur mir so geht, aber kennst du das vielleicht, wenn du einen Film schauen willst, und dann bei Netflix rumscrollst, ohne jemals einen Film zu finden? Ungefähr das geht in meinem Kopf ab, wenn ich dann hier die Depris schiebe. Ich habe eine Million Dinge in meinem Kopf, von denen ich genau null anfange. Dinge, von denen ich weiß, dass sie mir guttun. Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie machen muss, bevor sie unangenehme Konsequenzen haben. Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie tun könnte, um einfach nur irgendetwas getan zu haben. Aber ich mache dann halt nichts davon und ich kann nicht einmal erklären, warum nicht. Fühlt sich ja auch so falsch an, zu behaupten, ich hätte schlichtweg keine Energie dazu. Zum Denken und Zerdenken reicht die Energie ja immerhin.
Aber das, was mich so richtig frustriert, und zwar jedes Mal aufs Neue, ist das, was ich eingangs schon erwähnt hatte: dass ich in meinen depressiven Phasen einfach keinen Bezug mehr dazu habe, wie es war, als noch nicht alles einfach nur noch scheiße war. Ich kann versuchen, mich daran zu erinnern; aber ich habe dann einfach kein Gefühl mehr dafür. Komplett weg. Und von den Phasen gab es mittlerweile schon so viele, dass ich mich gar nicht mehr an eine phasenfreie Zeit erinnern kann: Dann denke ich daran, dass ich schon als Kind ein Weltmeister im Nicht-fertig-machen war. Und dass ich als Jugendlicher schon immer mehr Pläne als Energie hatte, und dass es schon damals einfach Phasen gab, in denen ich mehr Zeit im Bett verbracht habe, oder mit dem Zocken, oder später dann mit dem Saufen, als mit dem, was mir wirklich gutgetan hat. Wobei für Letzteres auch nie so richtig Platz war; aber die Gründe dafür lasse ich lieber in der Therapie. Die gehören nicht ins Internet.
Überhaupt: Mir wurde geraten, mit dem Thema privat zu bleiben. Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Depressionen keine Krankheit sind, sondern eine Schwäche. Und weil ich im politischen Umfeld unterwegs bin, wo die Menschen keine Schwäche sehen wollen, sondern starke Macher, was auch immer das sein soll. (Offensichtlich keine Frauen, wenn man sich anschaut, wie der Bundestag zusammengesetzt ist. Und dann wundern wir uns, dass viele Gesetzesinitiativen so wirken, als würden sie von Leuten ausdebattiert, die einen Vollschaden haben. Emotional verkümmerte Affen, aber hey, immerhin haben 40% davon Jura studiert, und kennt ihr eigentlich den Witz mit den Anwälten und den Arschlöchern?) Aber wisst ihr was? Mittlerweile ist mir das auch egal. Ich hab’s satt, mich zu verstellen. Ich hab’s satt, mich mit Bedürfnissen vorzustellen, die nicht meine sind. Und ich hab‘s satt, immer nur die negativen Seiten meiner Krankheit zu hören, wenn‘s um mich geht. Immer nur zu hören, wie schlimm das doch alles wäre, und nie zu hören, wie krass das eigentlich ist, dass wir Depressiven den Scheiß wieder und wieder durchziehen, obwohl wir uns sicher alle was Geileres vorstellen könnten, wenn wir eine Wahl dazu hätten. Ein Hoch auf alle Depri-Schieber, die noch leben. Ein Hoch auf all diejenigen, die trotz des Kampfes mit sich selbst nicht vor sich weglaufen. Und auch auf alle, die noch am Weglaufen sind, bis ihnen jemand die Hand reicht oder den Rücken stärkt.
Scheiß mal auf die Depressionen. Ist nur ne Phase. Angeblich gut behandelbar, auch wenn‘s sich gerade nicht so anfühlt. Muss ja nicht heißen, dass das morgen auch noch so ist.